Interview aus der Zeitschrift AK
vom Mai 2004

1962 geboren, ’89 Diplom Kommunikationsdesign SAdBK Stuttgart; bis ’92 bei GGK Düsseldorf, S & J, Hamburg; ’91–’92 Stipendium Akademie Schloss Solitude, Stuttgart; ’93 Stipendium DAAD / Italien, ab ’96: SeidlCluss, Schwerpunkt Corporate Design; ’96 Professur für Visuelle Kommunikation, Hochschule Pforzheim; ’03 Lehrstuhl Kommunikationsdesign und seit ’04 Leiter des Instituts für Buchgestaltung und Medienentwicklung.

 

1. Haben Sie eine Muse?

Ja.!

 

2. Machen Sie Kunst?

Nein.

 

3. Sie sind mit einer freischaffenden Künstlerin liiert. Worin unterscheidet sich für Sie Kunst von Grafik?

Grafik-Design und Kunst unterscheiden sich fundamental. In ihren Anlässen, ihren Auslösern, ihrer Gesellschaftsrelevanz und ihrer Wirkung. Aber so wie sie sich in vielen Punkten unterscheiden, so nah stehen sie sich andererseits und sie können aufs Schönste voneinander profitieren. Ich muss zugeben, ich denke, Grafik-Designer sollten möglichst viel über Kunst und Kunstgeschichte wissen, während Künstler nicht alles über Grafik-Design wissen müssen. Fasziniert sind beide voneinander. Grafiker bewundern schließlich die Kunst und die Künstler lieben Pelikan, Campbell’s oder die schönen Einladungskarten zu ihrer nächsten Ausstellung.

 

4. Gibt es altes und modernes Grafikdesign?

Viel schlimmer: Es gibt gutes und schlechtes altes Grafik-Design. Und es gibt gutes und schlechtes neues Grafik-Design. Und altes gutes, das modern wirkt und neues gutes, das altmodisch scheint. Ich glaube, es gibt fast nichts unwichtigeres als den ängstlichen Versuch alles kategorisieren zu wollen: Alt und modern, die ja keine klare Dichotomie darstellen sind so facettenarm wie jung und alt, gut und böse, hü und hott oder kalt und warm. Diese Schwarz/Weiss-Malerei bietet meiner Meinung nach zu wenig Instrumente um die Realität umfassend abzubilden – geschweige denn Imaginäres.

 

5. Sind neue Medien der Innovationsmotor des Kommunikationsdesign?

Ein Motor vielleicht, genauso wie schon viele andere Werkzeuge in gestalterischen Disziplinen. Spannend an den derzeit neuen Medien sind auf jeden Fall die ungekannten Optionen der Vermittlung und die Veränderung der Publikumserwartung. Das bedeutet für Gestalter auch neue Ansätze integrieren zu können, wenn’s gut läuft kann man das meinetwegen auch Innovation nennen.

 

6. Die freie Kreativität des Design-Studiums konkurriert mit wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit. Gibt es in einer zeitgemäßen Grafikpraxis Platz für innovatives, sich an Konventionen reibendes Design?

Danach wird immer verzweifelt gesucht! Erfolgreiches Kommunikationsdesign zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass es Konventionen erkennt un, wenn nötig überwindet. Das ist ein Hauptmotiv meiner Lehre und eins der wichtigsten Ziele meiner persönlichen Arbeit. Nichts beflügelt den Intellekt mehr, als die Anforderungen einer Aufgabe, die man auch noch selbst präzisieren kann. Eine Situation zu beobachten, zu analysieren um dann zu schauen, ob man mit einer gelungenen Überraschung helfen oder verblüffen kann – eine Überraschung, die obendrein noch atemberaubend aussieht, das ist spannend, und zwar unabhängig vom Ausgangspunkt. Frans Hemsterhuis, ein holländischer Philosoph, hat dafür so was wie eine Formel entwickelt: »Schönheit ist, was höchste Ideenzahl in kleinster Zeitspanne gewährt«.

 

7. Wäre die fakultätsübergreifende Transparenz eines Studiums der Weg aus der fachspezifischen Idiotie und ein Rezept für Innovationen?

Idiotie ist nicht so schlecht wie ihr Ruf, manchmal ist sie sogar ein Fundament für Genialität. Dostojewski hat schließlich nicht zufällig seine Lieblingsromanfigur mit dem Titel Idiot ausgezeichnet. Ich glaube, dass Auseinandersetzung mit Unbekanntem in jedem Fall bereichert und gegen Selbstüberschätzung impft. Offen für vieles zu sein, ist aber erstmal noch kein Allheilmittel, es ist auch wichtig die neuen Erfahrungen in den eigenen Erkenntnishintergrund integrieren zu können. Sprich: Wer viel fragt, kriegt auch viele Antworten. Zu lernen, treffende Fragen zu stellen, darum geht’s mir. Dazu kann ich Tipps geben und dann ist es an den Studierenden sich um Transparenz zu bemühen. Meist stellt sich Erneuerung als Zusammenwirken mehrerer Prozesse ein, sicher nicht, indem man sie als fachbereichsübergreifend verordnet.

 

8. Welche überzeugenden Aspekte besitzt für Sie das Akademiediplom im Vergleich zum Abschluss equivalenter Institutionen oder einer praxisbezogenen Ausbildung?

Die Stuttgarter Akademie ist eine der interessantesten in Deutschland, mit immerhin 16 künstlerischen Studiengägen. In diesem Umfeld studieren zu können, das allein ist schon ein Vorzug. Aber auch von der Struktur des Studiums profitiert jeder Absolvent – angefangen bei der Grundlehre, über den Atelierplatz im Haus, bis zu den hervorragenden Werkstätten. Wer dann noch in der Lage ist, seine Auseinandersetzungen zu suchen, auch wenn das besondere Disziplin braucht, der wird an dieser Akademie mehr als nur Ausbildung erfahren, sondern eine eigene künstlerische Haltung entwickeln. Das verstehe ich unter einem optimalen gestalterischen Studium.

 

9. Wie weit dominieren ästhetische Moral und Skrupel Ihre Praxis?

›Ästhetische‹ Skrupel gibt es für mich wirklich: Skrupel mich selbst zu kopieren oder mein Publikum mit seichten Ideen oder vorhersehbaren formalen Lösungen zu enttäuschen. Ob das allerdings abstrakte Dimensionen einer Moral erfüllt, kann ich nicht sagen. Moralisch inakzeptabel finde ich allerdings, eine schlechte Idee oder einen schlechten Entwurf damit zu verteidigen, dass der Adressat nichts besseres goutieren könne.

 

10. Wo liegen für Sie die qualitativen Unterschiede zwischen konzeptioneller und spontaner, emotionaler Arbeit?

Die Vorstellungen von rein konzeptioneller Arbeit, ohne spontane und emotionale Aspekte und rein spontaner Arbeit, also völlig konzeptfrei sind glücklicherweise nicht zu erfüllen. Und um es noch komplizierter zu machen: Eine rein spontane Arbeit kann auch aufgrund eines Konzeptes entstehen. Aber um meine Ansicht klar zu machen: Für mich braucht es in künstlerischen Arbeiten immer ein Konzept, wenn man zielgerichtet Wirkung verfolgen will. es gibt aber auch andere Vorgehensweisen: Die Surrealisten haben mit ihren unbewußten Strategien, zum Beispiel mit der ›écriture automatique‹ wunderbare Ergebnisse erzielt. Die Praxis im Kommunikationsdesign relativiert hier aber einiges: Ich habe selten Auftraggeber getroffen, die besonders am Ausdruck meiner Emotionen oder meiner Spontaneität interessiert gewesen wären. Sie legten komischerweise immer mehr Wert darauf ihre Inhalte vermitteln zu wollen.

 

11. Kennen Sie ein Beispiel für schlecht umgesetztes Kommunikations-Design?

Ja.

 

12. Ist Ihre eigene Arbeit immer die Lösung einer Aufgabe?

Ja, und wenn ich sie mir selbst stelle.

 

13. Wo liegen die inhaltlichen und ästhetischen Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Gestalterische Systeme fesseln mich. Sei es in Kunst, Wissenschaft und natürlich auch in der angewandten Gestaltung. Dabei freue ich mich immer mehr an der Ausnahme von der Regel. Diese ›Ausbrecher‹ sind meistens die Garanten für Lebendigkeit, trotz straffer Rahmenbedingungen. Konkret fliessen solche Beobachtungen in meine Arbeit ein: In der Buchgestaltung genauso wie bei Erscheinungsbildern, bei der Konzeption für digitale Anwendungen genauso wie bei der Gestaltung einer Zeitschrift. Ich such den kleinen manchmal gar nicht so feinen Unterschied zu etablierten Lösungen. Rein formal leiste ich mir eine Schwäche: Ich versuche herauszufiltern, was das Zeitlose in meinen neuesten Entwürfen ist. Oder in den Tendenzen der Gestaltung international. Und last but not least – ich liebe Typografie.

 

14. Versuchen sie etwas von sich in Ihren pädagogischen Auftrag zu integrieren?

Das kann gar nicht ausbleiben. Schließlich lässt sich Gestaltung nicht durch rezepthafte Vermittlung trainieren. Der Lehrende wird immer auch einen Teil seiner (Gestalter)Persönlichkeit, seine Überzeugungen und Erfahrungen einbringen. Die Projekte, die ich mit meinen Studenten bearbeite, interessieren mich auch persönlich. Sei es das Werk des Architekten Oskar Niemeyer und die retrofuturistische Gestaltung der 60er und 70er Jahre, die Nationalflagge für den befriedeten Irak ode das Leitsystem für ein Weltraumhotel. Die Studenten fürchten außerdem meine Musiktipps. Apropos, kennen Sie die letzten beiden großartigen Alben von Johnny Cash?

 

15. Wie kann man sich die Zukunft des Buchinstituts unter Ihrem Einfluss vorstellen?

Mein Konzept zur Entwicklung des Buchinstitutes hat zwei Schwerpunkte. Erstens experimentelle Projekte zu fördern und zweitens über den grafischen Tellerrand zu schauen. Design for design’s sake, – das langweilt mich. Durch Projekte, die inhaltlich eher nicht designorientiert sind, sondern aus allen Kunstgattungen oder Wissenschaftsbereichen stammen können, verspreche ich mir vielfältige und substantiell hochwertige Ergebnisse. Viellleicht könnte man so sagen, ich suche die Begegnung von externen Potentialen mit interner gestalterischer Autorenschaft. Das hat auch mit Publicity zu tun: Das Institut wird dadurch in unterschiedlichen Kontexten bekannt werden, als unkonventionelle Ideenbrutstätte mit Spitzengestaltern, hoffe ich.

 

16. Leistungsbewertungen an der Kunstakademie sind subjektiv und stehen nicht im Verhältnis zu denen anderen Fakultäten. Wie bewerten Sie erbrachte Leistungen?

Ich trenne gern zwischen der Note, die der Diplomstudiengang fordert und einer Bewertung im Gespräch, die den Studierenden meiner Meinung nach konstruktiver voranbringt. So eine Einstufung im Korrekturgespräch reflektiert mein Verständnis eines künstlerischen Studiums: Selbst-motiviertes Arbeiten anhand von eigenen oder gesetzten Herausforderungen. Eine Orientierung erfogt dabei durch möglichst viele Gesprächspartner – Lehrende unterschiedlicher Fakultäten und natürlich auch Kommilitonen. So verstanden ist die Note zwar formal wichtig, die persönliche Entwicklung des Einzelnen steht für mich allerdings im Vordergrund.

 

17. Die Notenspanne aller letzten Diplome im Bereich Kommunikations-Design an der Akademie bewegte sich zwischen 1,3 und 2,3. Halten Sie dieses Niveau realistisch?

Die Notengebung basiert immer auf hochkomplexen Diskussionen, Abwägungen, Vergleichen und Analysen Dabei macht es sich niemand leicht. Es gibt eine Reihe von Aspekten, die die Endnote ergeben. Zum Beispiel die konzeptionelle Aufarbeitung, die Qualität der Problemlösung an sich, die gestalterische Umsetzung – aber auch weniger leicht greifbare Kriterien wie künstlerische Qualität und Gesamtausdruck. Schließlich ist jede Arbeit auch noch vor dem Hintergrund anderer Abschlussarbeiten zu sehen. Da kann es zu divergenten Einschätzungen kommen, bei Professoren wie bei Diplomanden. Ehrlich gesagt, wenn sich ein Designer bei mir um eine Arbeitsstelle bewerben wollte und mir zuerst mit dem Notenzettel käme, würde ich höchstens überlegen, ob ich ihn als Buchhalter brauchen könnte.

 

18. Inhalte zu vermitteln ist Ihr Beruf. Wie schätzen Sie Ihre eigene Wirkung auf die Mitmenschen ein?

Ich denke, ich kann mich verständlich machen, obwohl... .

 

19. Interpretiert oder repäsentiert Grafik-Design?

Wieder so eine schwarz/weiss Frage, das wäre sicher ein gefundenes Fressen für passionierte Semiotiker. Rein umgangssprachlich kann ich Ihnen sagen, Grafik-Design kann beides leisten.

 

20. Verfolgen Sie eine Lebensphilosophie?

Zumindest noch nicht benennbar. Das werde ich mir für meine Memoiren aufsparen.

 

21. Kann, bzw. sollte eine ästhetische Ideologie als Statussymbol fungieren?

Ein Statussymbol ist ein Zeichen, über dessen kollektive Bedeutung Einigung besteht. Spätestens seit den Strukturalisten wissen wir, dass das auch für eine ästhetische Ideologie gelten kann. Ob sie es auch sollte? Ich unterstütze Designhaltungen mit konstruktivem Selbstverständnis. Manipulative Ansätze würde ich gern vermeiden.

 

22. Was fällt Ihnen zu den Begriffen ... -fiktives Kommunikationsmedium, -fiktive Kunden, -fiktive Menschen ein?

Studium. Für das Studium hat das Fiktive immer schon großen Reiz und große Bedeutung. Interessant ist dabei die Chance idealisierte Szenarien zu entwerfen. Das verschafft tiefe Einblicke in soziale Interdependenzen des Design und trainiert auch den ›Möglichkeitssinn‹, den wir neben dem Wirklichkeitssinn brauchen.

 

23. Gibt es in Ihrer Zukunft Visionen zu erfüllen?

Visionen klingt nach Trugbildern oder Erscheinungen, aber Vorhaben und Vorsätze, gibt es, klar. Sonst wäre ich wohl fehl am Platz in einer Akademie. Der Studiengang Kommunikationsdesign ist ja schon bestens etabliert. Ein wichtiges Anliegen ist für mich mit den Kollegen den Studiengang weiter auszubauen, auch vor dem Hintergrund internationaler Enwicklungen – Stichwort Masterabschluss. So ein Abschluss ist heute schon Indiz für eine aktuelle Ausbildung, die sich international behaupten kann und will. Außerdem gilt mein Interesse der Etablierung und Entwicklung meines Lehrstuhls mit Schwerpunkt Corporate Design im Sinn einer hochaktuellen Lehre, die Absolventen optimale Chancen auf gehobene Arbeitssumgebungen sichert. Ich freue mich darauf, die Ausbildung so effektiv und unkonventionell wie möglich zu gestalten: Künstlerisch orientiert, mit starkem Zeitbezug, aber im Wechselspiel mit der Praxis aus der ich selbst zum Glück immer wieder neue Impulse erfahre.

 

24. Mit welcher Romanfigur würden Sie für eine befristete Zeit Ihr Dasein tauschen? Warum?

Da fallen mir viele ein: Monsieur Teste von Paul Valéry, weil er die Klarheit in Person ist und sein Intellekt von dem Valérys gespeist wird. Oder David Kepesh, den Philip Roth schon durch drei Bücher begleitet hat und damit zeigt wie komisch jede Lebensphase sein kann. Wenn ich aber recht überlege, will ich eins am meisten: Für begrenzte Zeit mit einer Figur tauschen, die in einer ganz normalen Stadt lebt, in einem ganz normalen Haus wohnt und einer ganz normalen Arbeit nachgeht – allerdings erst im Jahr 2365. Dann wäre mir auch egal, wer das Buch geschrieben hat.